Notiz aus den Ferien: die kleine Trattoria

Featured Image
Eine ehemals kleine Trattoria im verschlaffenen Städtchen mit ein paar wackligen Tischchen vor dem Lokal ist im Post-Corona-Zeitalter angekommen: gegenüber dem Lokal stehen jetzt noch ein dutzend Tische unter dem vollautomatischen Gross-Sonnenschirm. Ein reinweisser LED-Scheinwerfer beleuchtet die Plastikpflanze und blendet die Gäste.
Als erstes bringt mir die Servierfachkraft ein extra für mich gedruckter Zettel mit QR Code. Ich will ein Glas Wein bestellen, sie aber zeigt bloss auf den Zettel.
Darauf steht in den wichtigsten Sprachen der Welt, dass ich eine App laden muss, um hier verköstigt zu werden. Mein Einwand, ich hätte als Tourist wenig Datenvolumen verursacht nur ein Schulterzucken: das WLAN reicht leider nicht aus dem Lokal raus bis zum Platz, wo ich sitze.
Als ich die App schliesslich geladen habe und ich mich über mein Facebook-Profil eingeloggt habe (der Wirt kann jetzt meine Ferienfotos wahrscheinlich auch ansehen) muss ich über ein paar Seiten hinweg Auskunft über meine Allergien, Intolleranzen und kulinarischen Präferenzen geben. Erst dann bekomme ich eine für mich individuell zusammengestellte Auswahl an Gerichten präsentiert.
So weit, so schlimm: ich stelle per Drag & Drop mein Menu zusammen. Wie üblich in Italien: Antipasto, ein bisschen Pasta als Primo und ein bisschen Fleisch als Secondo. Ich drücke auf „Order“ und habe noch 30 Sekunden Bedenkzeit, bevor meine Bestellung an die Küche übermittelt werden soll. Ich riskiere alles und beobachte den effektvoll annimierten Countdown bis er auf Null ist.
Es vergehen keine 30 Sekunden, bis die Servierfachkraft mit einem langen Papierstreifen auftaucht und mich vorwurfsvoll fragt, ob ich tatsächlich alles aufs Mal will?
Ma No!! Zuerst das Antipasto, dann Primo, dann Secondo. So wie üblich! Dann hätte ich das beim bestellen auch so angeben müssen. Aber sie würde das jetzt ausnahmsweise für mich umprogrammieren ... Über der Maske geben mir die Augen zu verstehen, dass ich ganz offensichtlich naiv aber nicht digital native bin.
Den Wein und das Wasser musste ich dann separat bestellen. In der Zwischenzeit habe ich den ersten Gang bekommen. Die Servicefachkraft musste aber zuerst an 5 Tischen fragen, wer das bestellt hat. Ich weiss jetzt: ich bin Tisch 18 und ich bin zuversichtlich, dass der Hauptgang noch warm ist, bis er bei mir eintrifft.
Comments

No Comments.

Leave a replyReply to

View